INTERVIEW

Markus Paßlick über Musik und Zukunft

Anfang des Jahres habe ich Markus neue Löcher in den Bauch gefragt:

Brita: Bei den Alben der Städte-Trilogie habt ihr mit Produzent Régis Ceccarelli zusammengearbeitet. Wie hat er
die Songs beeinflusst?

Markus: Regis war für Götz und uns vor allem ein Motivator. Als Musiker ist man im Studio sehr viel mit sich selbst beschäftigt. Regis hatte stets das Ohr auf das gesamte Stück. Er konnte daher besser beurteilen, ob die gerade eingespielte Version gut war und hat uns angefeuert, wenn er fand, dass wir das eigentlich besser können. Die Arrangements von Götz hat Regis nie verändert, aber er hat den drei Alben durch die Art und Weise der Aufnahmen und der jeweils endgültigen Mischung in Paris seinen eigenen Sound gegeben. Das alles natürlich in enger Zusammenarbeit mit Götz, der letztendlich über jedes Detail entschieden hat.

Brita: Wird Régis euch weiter begleiten?

Markus: Die Städte-Trilogie ist abgeschlossen. Was ab 2020 passieren wird, befindet sich zur Zeit noch ganz allein im Kopf von Götz.

Brita: Ihr spielt jedes Programm ja eine ganze Zeit lang. Gibt es da bestimmte Entwicklungen?

Markus: In der Regel haben wir unsere Programme alle zwei Jahre gewechselt. Das aktuelle Programm „in Rom“ spielen wir über zweieinhalb Jahre. Viele Veranstalter haben das Programm gleich zwei oder drei Mal gebucht, daher haben wir es bis Ende 2019 verlängert. In der Hamburger Laeiszhalle sind wir im November zum dritten Mal, im Savoy-Theater in Düsseldorf spielen wir das Rom-Programm sogar ganze 12 Mal.

Natürlich gibt es im Laufe der vielen Konzerte einige Entwicklungen bei einzelnen Stücken. Oft bekommen die Nummern live ein etwas anderes Tempo. Das spielt sich aber schleichend ein. Und eigentlich proben wir die Programme vor der Premiere so gut, damit es möglichst wenig Veränderungen gibt. Wenn wir wissen, dass das Programm gut funktioniert, fahren wir deutlich entspannter zu den Konzerten. Aber natürlich passiert auf der Bühne immer noch viel spontanes und jedes Publikum ist etwas anders. So bleibt jeder Abend immer spannend.

Brita: Du hast die Geräuschekiste u. a. für den Film „Manou flieg flink“ aufgemacht. Gab es da bestimmte Vorgaben?

Markus: Zur Vorbereitung für die Aufnahmen habe ich von dem Filmkomponisten Frank Schreiber einige Szenen bekommen, die allerdings nur grob animiert waren. In einer Szene fliegt ein Schwarm Mauersegler in einen
großen Pavillon aus Metall. Dort beginnen die Vögel eine Party zu machen, klopfen mit den Schnäbeln rhythmisch auf verschiedene Metallstangen und einen gläsernen Kronleuchter oder setzen sich auf Federn, die aus alten Polsterstühlen ragen. Die passenden Sounds habe ich in einem Baumarkt und bei einem befreundeten Bauunternehmer gefunden: Ein Standaschenbecher aus Metall, ein großes Grillrost aus Eisen, Glasflaschen, verschiedene Bleche und Teile von Metallregalen.

Im Studio habe ich viele Stunden gebraucht um diese Szene einzuspielen, denn ich musste für jeden Vogel den gewünschten Rhythmus etwas variieren. So kam ich locker auf 150 Spuren, die ich auf den Schrotteilen einspielen musste. Diese wurden dann für das Dolby surround 5.1 im Raum verteilt. Bei den meisten Szenen habe ich auf die bewegten Bilder getrommelt, in einigen Fällen wurden die Vögel nachträglich auf mein Getrommel animiert. Frank Schreiber hat sehr genau darauf geachtet, dass die Rhythmen nicht zu kompliziert wurden, damit die auch in der Animation umsetzbar sind.Bei einigen Orchesterstücken habe ich dann meine normalen Percussion-Instrumente gespielt. Im Titelsong, gesungen von Cassandra Steen, waren das Cajon, Congas, Shaker, Bass-Udu, Chimes, Zimbeln, Glockenbaum etc… Ansonsten kamen auch Berimbau, Talking Drum, Djembe und Surdo zum Einsatz. Wer Interesse hat, kann das auf der Seite von Frank Schreiber nachlesen und nachhören:

Einen guten Überblick geben die Szenen: „Auf zur Party“, „Jam Session“ und „Flieg mit mir“. Bei anderen Szenen bin ich natürlich auch zu hören, ich habe allerdings ein wenig den Überblick verloren… https://www.frankschreiber.com/de/news/film/filmmusik-und-sounddesign-fuer-animations-kinofilm-manou-the-swift.html

Die Arbeit mit Frank hat sehr viel Spaß gemacht, war aber auch anstrengend. Nach zehn Stunden im Studio waren wir an beiden Tagen abends sehr mit uns zufrieden, aber auch ziemlich platt. Der Film läuft leider in deutschen Kinos nur in wenigen Kopien. International wurde der Film in über hundert Länder verkauft. Vielleicht liegt es daran, dass die Hauptrollen von Kate Winslet und William Dafoe gesprochen wurden.

Lustig war übrigens, dass ich während der Aufnahmen zum Film Max Giesinger kennengelernt habe. Er nahm mit seinem Autorteam im Nachbarstudio auf. Leider habe ich ihn nicht erkannt und habe ihm, nach einem sehr netten Gespräch in der Kaffeepause, viel Erfolg für seine Songs gewünscht. Damals hatte er schon Millionen Klicks auf Youtube. Er hat es aber mit Humor genommen…

Brita: Wie entscheidest du grundsätzlich welches Instrument wann und wie zum Einsatz kommt?

Markus: Zunächst ist der Stil des Stückes wichtig. Für Cha Cha oder Mambo sind lateinamerikanische Instrumente gefragt, wie Conga, Bongo und Timbales. Für Stücke im Afro-Stil setze ich gerne Djembe und Talking Drum ein, für orientalisch klingende Nummern Tabla und Darbouka. Vor allem ist es für einen Percussionisten wichtig, ein breites Spektrum an Frequenzen abzudecken. Das geht von hellen Shakern, über Congas im mittleren Frequenzbereich bis zu tiefen Instrumenten, wie Surdo oder Bass-Udu.
Percussionisten unterstützen nicht nur den Rhythmus eines Musikstückes, sondern sorgen mit Chimes, Glöckchen, Regenmacher etc… für wichtige Klangfarben.

Wenn ich für Pop- und Rockproduktionen im Studio bin, spiele ich sehr viel Tambourine und Triangel. Die verleihen de Musik einen silbrigen Glanz ohne aufdringlich zu klingen. Man könnte diese Instrumente auch im Studio mit einem Computer programmieren, aber dann klingen sie oft seelenlos, weil der menschliche Touch fehlt, diese kleinen Unregelmäßigkeiten, die den Rhythmus lebendig machen.

Brita: Probierst du verschiedene Varianten aus?

Markus: Rudi und ich probieren bei den Proben zu einem neuen Programm sehr viel aus. Wir haben beide ein großes Equipment, das auch seltene oder verrückte Instrumente beinhaltet. Rudi ist sehr experimentierfreudig
und klebt gedanklich nicht an seinem Schlagzeugstuhl fest. Götz gibt uns in der Probenphase sehr viel Freiheiten und so kommen manchmal ungewöhnliche Kombinationen raus. Bei „Arriverderci Roma“ hatte Götz eine Art polynesischen Rhythmus im Kopf und spielte uns dazu eine alte Aufnahme aus seiner Plattensammlung vor. Um nahe an das Original zu kommen, spiele ich bei dem Stück eine Djembe, allerdings ohne große Attacke und Variationen. Rudi schüttelt dazu mit einer Hand eine Rassel aus einen Haufen Palmnüsse und schlägt mit der anderen Hand auf eine Surdo. Den Rhythmus findet man so nicht im Lehrbuch. Manchmal muss man Konventionen verlassen, um auf neue Ideen zu kommen.

Brita: Du bist u. a. Endorser bei Schlagwerk. Was bedeutet das für dich als Musiker? Gibt es Entwicklungen bei den Instrumenten, die dich beeinflussen?

Markus: Ich bin Endorser für LP (Latin Percussion), Schlagwerk, Sabian und Remo. Wichtig bei einem Endorsement ist, dass man auch wirklich hinter den Produkten steht. Ich kann sagen: Die Instrumente dieser Firmen würde ich auch kaufen, wenn ich nicht deren Endorser wäre. Die Instrumente dieser Hersteller inspirieren mich sehr, weil immer wieder neue Produkte auf den Markt kommen, die ich gut für meine Arbeit einsetzen kann. Man kann keine Conga oder Cajon neu erfinden, aber gerade im Bereich der Kleinpercussion gibt es erstaunliche Neuheiten.

Für die Tournee benutze ich gerne Instrumente und Felle aus Fieberglas oder Kunststoff. Die haben den Vorteil, dass sie haltbar sind, stimmstabil und nicht auf Feuchtigkeit oder Hitze reagieren. Wie oft sind mir früher die hoch gestimmten Natur-Bongofelle gerissen? Zum Teil sogar während des Konzertes. Für die Tournee benutze ich Kunststofffelle von Remo, die sind im Klang super und die musste ich in den letzten fünf Jahren vielleicht drei Mal
nachstimmen. Das sind perfekte Instrumente für reisende Musiker. Im Studio benutze ich meist Instrumente mit Naturfellen, da habe ich ja auch genug Zeit zum Stimmen.

Ein Endorsement ist auch in anderer Hinsicht wichtig: Bei den Aufnahmen mit Götz in New York hat mir LP kostenlos ein komplettes Equipment ins Studio geliefert. Das hätte ich mir ansonsten in New York anmieten müssen und wer weiß, in welchem Zustand die Mietinstrumente gewesen wären. So war das im Studio ein bisschen wie Weihnachten: LP hat mir alle gewünschten Instrumente zur Verfügung gestellt, alle neu und originalverpackt.

Brita: Kannst du uns einen Ausblick auf künftige Projekte geben?

Markus: Bis Ende des Jahres sind wir noch mit dem Rom-Programm unterwegs. Ich bin schon sehr gespannt, was sich Götz für die nächsten Jahre ausdenkt und freue mich schon auf die ersten Proben mit den neuen
Stücken. Ansonsten arbeite ich gerade als Autor an einigen Projekten, über die ich aber zurzeit noch nicht reden möchte. Und ich habe mit der Familie in unserem Garten ein Hochbeet gebaut. Ich werde also weite Teile des Sommers und Herbstes mit der Ernte verbringen.

Foto: Brita